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Geldschöpfung als Kaufgeld

 

In den genannten Tauschsystemen entsteht das Geld als Buchgeld innerhalb einer Gemeinschaft von gleichberechtigten Mitgliedern, und zwar immer dann und genau in dem Umfang, wie es für Zahlungen gebraucht wird. Die Teilnehmer der Geldgemeinschaft schließen sich freiwillig zusammen und vereinbaren vertraglich, dass sie ihre Käufe und Verkäufe an eine Verrechnungsstelle (clearing house) melden. Dort wird für jeden Teilnehmer, für jeden Haushalt und jedes Unternehmen, ein Konto geführt, das bei Null beginnt, denn es ist ja noch kein Geld vorhanden, das man zuerst einzahlen könnte. So ist es jedenfalls dann, wenn das Geld von nichts anderem abhängig ist als von der realen wirtschaftlichen Tätigkeit der Mitglieder, die unter einander kaufen und verkaufen. Es ist ferner nötig, dass eine Werteinheit gewählt und vertraglich vereinbart wird, z.B. der Wert, der aus einer geleisteten Arbeitsstunde resultiert.

Wenn ein Mitglied einem anderen eine Ware oder Leistung verkauft, erhält es auf seinem Konto eine Gutschrift, und gleichzeitig wird auf dem Konto des Käufers eine ebenso große Lastschrift verbucht. Die Teilnehmer an dem Geldsystem erwarten, dass derjenige, dessen Konto belastet wird, selber eine wirtschaftliche Leistung erbringen wird, so dass er den Minusbetrag auf seinem Konto wieder ausgleichen wird. Möglicherweise wird dafür im Voraus ein Nachweis verlangt. Umgekehrt kann derjenige, der eine Gutschrift erhält, damit eine Ware oder Leistung von irgendeinem anderen Mitglied der Geldgemeinschaft kaufen. Damit pendelt jedes Konto zwischen Minus und Plus um den Nullpunkt. Ganz ähnlich pendelt heute unser Lohnkonto von Monat zu Monat um einen mittleren Kontostand. 

Es gibt aber einen fundamentalen Unterschied: Im heutigen Zahlungsverkehr über die Banken geht man immer noch davon aus, dass Geld eine Sache ist, die zuerst da sein muss, bevor man damit etwas kaufen kann. Die Banken geben zuerst Leihgeld in die Wirtschaft (für das sie Zinsen erheben) und erlauben uns dann, es als Kaufgeld zu verwenden. Stattdessen können wir in einer Geldgemeinschaft allen Teilnehmern einen Überziehungskredit zugestehen und brauchen dafür keine Zinsen zu verlangen.

Niemand soll mehr Schulden machen, als er regelmäßig ausgleichen kann. Auch ein Guthaben, das nicht regelmäßig verbraucht wird, ist im Kaufgeldbereich nicht sinnvoll. Es ist daher nötig, dass jedes Verrechnungskonto im Minus eine Verschuldungsgrenze und im Plus eine Guthabengrenze bekommt. Die Regeln für diese Grenzen werden von der Geldgemeinschaft in ihren Vereinbarungen festgelegt. Wenn durch zunehmende Produktivität die Einkommen und damit der allgemeine Wohlstand steigen, können die Grenzen der Kaufgeldkonten vertraglich nach oben und unten erweitert werden. Dann erweitert sich die mögliche (nicht die tatsächliche) Geldmenge. Bei den Unternehmen wird für die Kaufgeld-Kontengrenzen der regelmäßige wöchentliche, monatliche oder vierteljährliche Umsatz maßgeblich sein. Beträge, die diese Grenzen überschreiten, im Plus ebenso wie auch im Minus, werden als Leihgeld behandelt. Wenn dass Konto überzogen wird, kann die Verrechnungsstelle einen Zins berechnen (ähnlich wie es heute die Banken machen). Dieser Zins wird aber auch für Beträge fällig, die über der festgelegten Obergrenze liegen. Der Kontoinhaber wird dadurch veranlasst, dieses Geld aus der Liquidität herauszunehmen und Anderen leihweise zur Verfügung zu stellen. Wenn er dafür einen maßvollen Zins erhält, erreicht er, dass die Abschreibung seines Vermögens kleiner wird. Auch andere Verfahren sind denkbar. Wichtig ist, dass das liquide Kaufgeld und das als Leihgeld verbuchte längerfristige Vermögen klar getrennt sind. 

Man findet in der Literatur, auch in der Dreigliederungsliteratur, wenig über diese Möglichkeit, das Geld zu verstehen. Die wichtigste Ausnahme von dieser Regel sind die Werke von zwei amerikanischen Autoren: E. C. Riegel (1879 – 1954) und Thomas H. Greco (geboren 1936). Sie vertreten eine Geldtheorie, die in hohem Masse mit dem übereinstimmt, was hier auf Grund der Anregungen von Rudolf Steiner ausgearbeitet ist. Der Inhalt des neusten Buch von Greco („The End of Money and the Future of Civilisation”, Verlag Floris Books Edinburgh 2010)wird in dieser Website im Kapitel „Gegenüberstellung und Diskussion“ zusammengefasst. Das Buch, das leider noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, müsste Pflichtlektüre sein für alle, die sich mit Wirtschaft und Geld befassen wollen.

Auch Greco beruft sich auf die Erfahrungen der LETS und des Barter-Handels und nennt das dort verwendete Geldsystem „Mutual Credit Clearing“ (wechselseitige Kredit-Verrechnung)..Dabei unterscheidet er beim Geld streng zwischen der Tauschfunktion (Zahlungsverkehr) und der Investitionsfunktion (Kapital). Bei beiden spricht er von Kredit und unterscheidet sie durch die Dauer der Laufzeit. Einen weiteren wichtigen Unterschied erwähnt er nicht: Geliehenes Geld muss ich demjenigen zurückzahlen, der es mir zur Verfügung gestellt hat, bei den Konten des Zahlungsverkehrs (wir würden sagen beim Kaufgeld) handelt es sich aber um Guthaben und Schulden gegenüber der ganzen Geldgemeinschaft. Diese Schulden werden nicht mit Geld zurückgezahlt, sondern durch Waren und Leistungen ausgeglichen. Diese beiden Eigenschaften charakterisieren das Wesen des Kauf­geldes. Auch im heutigen System ist mein Geld – auch das Bargeld, das ich in der Tasche habe – ein Guthaben ge­gen­über all denen, die dieses Geld anerkennen und bereit sind, mir dafür etwas zu verkau­fen. Grundsätzlich besteht alles Geld aus Veränderungen von Guthaben und Schulden. Diese beziehen sich beim Kaufgeld auf die ganze Geldgemeinschaft, von der ich Leistungen beziehen kann und der ich realwirtschaft­liche Leistungen schuldig bin. Beim Leihgeld dagegen bezieht sich die Schuld auf den Kreditgeber, dem ich das Geliehene zurückzahlen muss. 

Wir sprechen hier auch bei den Kaufgeldkonten von Schulden und Guthaben. Trotzdem handelt es sich nicht um Leihgeld. Worin liegt der Unterschied? Geliehenes Geld muss ich demjenigen zurückzahlen, der es mir zur Verfügung gestellt hat, beim Kaufgeld handelt es sich aber um Guthaben und Schulden gegenüber der ganzen Geldgemeinschaft, und sie werden nicht mit Geld zurückgezahlt, sondern durch Waren und Leistungen ausgeglichen. Die beiden letzten Eigenschaften charakterisieren das Wesen des Kaufgeldes. Auch im heutigen System ist mein Geld – auch das Bargeld, das ich in der Tasche habe – ein Guthaben gegenüber all denen, die dieses Geld anerkennen und bereit sind, mir dafür etwas zu verkaufen. Das Wort Guthaben darf uns nicht dazu verleiten, zu meinen, es sei etwas, das man „hat“. Etwas besser passt das Wort Anspruch oder Recht auf Waren und Leistungen, und statt von Schulden könnte man beim Kaufgeld von Leistungsverpflichtungen sprechen. Grundsätzlich besteht alles Geld aus Veränderungen von Guthaben und Schulden. Diese beziehen sich beim Kaufgeld auf die ganze Geldgemeinschaft, von der ich Leistungen beziehen kann und der ich realwirtschaftliche Leistungen schuldig bin. Beim Leihgeld dagegen bezieht sich die Schuld auf den Kreditgeber, dem ich das Geliehene zurückzahlen muss.

In der neuzeitlichen Geschichte des Geldes wurde das Buchgeld aus dem Bargeld abgeleitet. Wenn wir das Urphänomen des Geldes aufsuchen, ist die Reihenfolge umgekehrt: Als Buchgeld, das heißt als Verrechnung zwischen Konten, zeigt das Geld sein eigentliches Wesen. Sekundär können wir Papiergeld und Münzen als Gelddokumente schaffen und aus dem Buchgeld ableiten. Wer ein Verrechnungskonto hat, kann sich solche Gelddokumente geben lassen, wobei der entsprechende Betrag von seinem Konto abgebucht wird. Die meisten Zahlungen werden heute bargeldlos durchgeführt, aber in vielen Situationen ist doch das Papiergeld ein nützliches Zahlungsmittel. Die modernen elektronischen Kommunikationstechniken erlauben es uns, das Geld seinem Wesen gemäß als Buchgeld, das heißt als Buchführung entstehen zu lassen, und zwar als Kaufgeld. Das Leihgeld entsteht dann aus dem Kaufgeld durch einen sekundären Prozess. Die soziale Ordnung muss so sein, dass jeder Mensch über flüssiges Geld verfügen kann, das heißt über die Möglichkeit, Kaufgeld auszugeben. Davon muss der Geldverkehr ausgehen, und nicht etwa davon, dass jemand Geld „besitzt“. Dieser Tatbestand wird dadurch ausgedrückt, dass die Kaufgeldkonten bei Null beginnen und ins Minus und Plus pendeln.