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Zur Geldschöpfung

 2.1. Mutual Credit Clearing: Die Geldtheorie von E. C. Riegel und Thomas H. Greco

E. C. Riegel (1879 – 1954) schrieb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als große Wirtschafts- und Finanzkrisen zeigten, wie instabil das herrschende Geldsystem ist, mehrere Bücher, die längst vergriffen sind. Riegel ist wenig bekannt, und auch die Fachleute für Finanzfragen setzen sich nicht mit ihm auseinander. Man kann aber einige seiner Werke im Internet finden.

-  E.C.Riegel: Private Enterprise Money, a Non-Political Money System, New York 1944. Siehe: http://kentennant.com/rm/NAF/Documents/Enterprise.pdf

-  E.C.Riegel: The New Approach to Freedom, Together with Essays on the Separation of Money and State. 1976/2003. Siehe: http://monetary-freedom.net/reinventingmoney/Riegel-New_Approach_to_Freedom.pdf und www.newapproachtofreedom.info/documents/naf.pdf

-  E.C.Riegel: Flight from Inflation, Los Angeles 2003. Siehe: www.newapproachtofreedom.info/documents/ffi.pdf

Er schlug vor, den wirtschaftlichen Tauschprozess von politischen Interessen und von den Geschäftsinteressen der Banken zu trennen. Das wäre dadurch möglich, dass nicht der Staat und nicht die Banken, sondern die privaten Wirtschaftsteilnehmer durch ihre Ausgaben und Einnahmen Geld schaffen und in Umlauf bringen. Im heutigen Geldsystem arbeiten die Regierungen und die Banken so zusammen, dass sie größte Macht ausüben können. Dieses System wurde in England zum ersten Mal angewendet, als König Wilhelm von Oranien gegen Ludwig XIV. von Frankreich Krieg führte und dafür Geld brauchte. Er erhielt dieses Geld als Bankdarlehen und verlieh dafür der 1694 gegründeten Bank of England das Vorrecht, Banknoten zu drucken und herauszugeben. Die Bank of England wurde später Vorbild für die zentralen Notenbanken, die in praktisch allen Staaten der Welt gegründet wurden und das Vorrecht haben, im politischen Interesse der Regierung und im Geschäfts¬interesse der Banken die Geldmenge zu vermehren. Dieses Vorrecht wird regelmäßig dann angewendet, wenn eine Regierung Krieg führen will und sich dafür militärisch aufrüstet. Die Aufblähung der Geldmenge führt früher oder später zur Wertminderung des Geldes und zu höheren Preisen, so dass man sagen kann, die Regierungen verschafften sich auf dem Kreditwege Geld auf Kosten der Wirtschaft.

Das staatliche Geldmonopol ist bei weitem der größte Eingriff des Staates in die Wirtschaft. Riegel war deshalb der Meinung, die von ihm vorgeschlagene Änderung des Geldwesens sei die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Frieden und Freiheit in der menschlichen Gesellschaft überhaupt möglich werden.

Thomas H. Greco (geboren 1936) sagt von sich selbst, er habe von E. C. Riegel die stärksten Anregungen erhalten. Er schrieb vier Bücher und viele Aufsätze und befasste sich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch sehr gründlich mit der Frage, wie das staatliche Geld dadurch ersetzt und überwunden werden kann, dass private Gemeinschaften ihren Zahlungsverkehr selbst organisieren, indem sie Verrechnungssysteme einrichten.
Die Bücher haben folgende Titel:
- 1990: Money and Dept: A Solution to the Global Crisis.
- 1994: New Money for Healthy Communities.
- 2001: Money: Understanding and Creating Alternatives to Legal Tender.
- Sein letztes Buch: The End of Money and the Future of Civilisation wurde 2009 in den USA im Verlag Chelsea Green Publishing gedruckt. 2010 wurde es für Europa im Verlag Floris Books herausgegeben.
- Internet: www.reinventingmoney.com und www.beyondmoney.net
Leider sind alle diese Bücher und Texte nicht auf Deutsch übersetzt. Im deutschsprachigen Gebiet spricht niemand von Greco und Riegel.

Noch vor Riegel und Greco hatte Steiner 1919 in seinem grundlegenden Buch „Die Kernpunkte der Sozialen Frage“ ganz entschieden verlangt, dass der Staat nichts mit der Anerkennung des Geldes zu tun haben soll. Er hat zwar noch einiges dazu gesagt, aber nicht im Detail ausgearbeitet, wie ein in der Wirtschaft selbst entstehendes Geld aussehen könnte. Die Trennung von Geld und Staat ist auch von den Schülern und Interpreten Steiners nicht ausgearbeitet worden. Hier haben uns amerikanische Denker überholt und haben das geleistet, was unsere Aufgabe gewesen wäre. Riegel und Greco scheinen Steiners Buch „Die Kernpunkte …“ nicht gekannt zu haben, obwohl es schon im Jahr seines Erscheinens 1919 durch Edith Maryon ins Englische übersetzt wurde.

Mit dem Titel seines letzten Buches „The End of Money …“ will Greco sagen, dass Geld heute keine Sache mehr ist, sondern dass es als reines Informationssystem aufgefasst werden muss,  „…that money has become nothing more than an information system.“ Wie Steiner sagt auch Greco, Geld sei nichts weiter als Buchhaltung: „Money is merely an accounting system.“ (S.116)

Als das Geld aus Gold- und Silbermünzen bestand, konnte man es als Sache oder Ware auffassen. Heute besteht das Geld nur aus Bankguthaben, die durch Kredite der Banken entstehen. Wenn jemand ein Darlehen bekommt, wird er einerseits Schuldner gegenüber der Bank; anderseits erhält er dafür Geld auf ein Konto, von dem aus er Rechnungen bezahlen kann. Der Zahlungsverkehr funktioniert als Übertragung von einem Konto auf ein anderes, also durch Verrechnung. So ist es nicht nur in direkten Verrechnungsgemeinschaften wie LETS, sondern auch in der Verrechnung, die von den Banken besorgt wird. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Die Banken schaffen zuerst, am Anfang des Geldprozesses und bevor der Zahlungsverkehr beginnen kann, das Geld durch Kredite an Darlehensnehmer. Für diese Kredite erheben sie Zinsen und profitieren davon. Stattdessen können wir, wenn wir uns als Kaufende und Verkaufende in einer Gemeinschaft zusammentun und organisieren, uns direkt gegenseitig Kredit gewähren und können es zinsfrei tun.

In den Verrechnungsgemeinschaften (z.B. LETS) geht es immer um die Verrechnung von Schulden (die wir beim Kaufen machen) und Guthaben (die wir beim Verkaufen und Geldeinnehmen erhalten). Deshalb spricht Greco von „mutual credit clearing“ (gegenseitige Kredit-Verrechnung). Diese funktioniert, ohne dass zuvor von jemandem Geld geschaffen werden muss. Die Banken tun immer noch so, wie wenn Geld eine Sache wäre, die zuerst geschaffen werden muss, bevor sie im Zahlungsverkehr verwendet werden kann. – Durch ein System direkter Verrechnung von Einnahmen und Ausgaben  wird das heutige Bankwesen und seine Geldschöpfung überflüssig, und die Geldschöpfung durch Staatsverschuldung wird überwunden („Direct credit clearing makes conventional money and banking obsolete“. S. 122)

Wie Riegel sieht auch Greco in der Tendenz zum Zentralismus die größte Gefahr für die Welt. In den USA entwickelte sich in längeren Auseinandersetzungen das Zentralbank-System nach dem Vorbild der Bank of England. Es hat dazu geführt, dass sich die amerikanische Regierung bei den Banken in einem Maße verschulden konnte, dass sie niemals in der Lage sein wird, die Schulden aus Steuereinnahmen zurückzuzahlen. Auf diesem Weg konnte sie sich das Geld beschaffen, das für die Kriegsführung nötig war, und das Zentralbanksystem ist auch heute die Basis für die Weltmacht, die der „Neuen Weltordnung“ zu Grunde liegt. Durch die Verschuldung des Staates wurde die Geldmenge stark vermehrt und verursachte die Entwertung des Dollar in den letzten Jahrzehnten, zum Schaden der Realwirtschaft.

Um das Geld zu charakterisieren, kommt auch Greco dazu, es als Wellenbewegung in der Zeit aufzufassen (S. 118). In der Verrechnungsbuchhaltung von Käufen und Verkäufen schwankt das Konto des einzelnen Teilnehmers zwischen Schulden und Guthaben. Im Geldsystem als ganzem werden die Schulden des einen Teilnehmers durch das Guthaben des anderen ausgeglichen. In den Verrechnungsgemeinschaften erhält jedes Mitglied eine Überziehungsgrenze, die seinen regelmäßigen Einnahmen entspricht. In der Regel rechnet man dabei, nach Greco, mit einem Zeitraum von drei Monaten.

Großen Wert legt Greco darauf, dass die Tauschfunktion und die Finanzierungsfunktion streng unterschieden werden. Für beide sind Kredite nötig, aber für den Tausch (Zahlungsverkehr) kurzfristige Kredite und für die Finanzierung langfristige Kredite, durch die Kapital gebildet wird. Durch das kurzfristige „credit clearing“ wird fortwährend Geld neu geschaffen und wieder zum Verschwinden gebracht. Die Kapitalbildung dagegen, die dazu da ist, Produktionsmittel zu erneuern oder zu vermehren, setzt voraus, dass Geld bereits vorhanden ist und von Sparern auf Unternehmer übertragen wird (S. 66 f.). Greco kommt daher zum Schluss, dass die Kapitalinvestitionen aus Ersparnissen finanziert werden müssen und nicht durch die Schaffung neuen Geldes: „Capital investments should therefore be financed out of savings rather than by creation of new money“ (S. 243). „Those of us who have a surplus that we are able to save provide the resources needed by others to become more productive. In a developed economy in which there is specialization of labour, saving is essentially a social phenomenon… Saving and investment are two sides of the same coin“. (S. 245 f.) (Diejenigen von uns, die einen Überschuss haben, den wir ansparen können, liefern die Mittel, die andere brauchen, um produktiver zu werden. In einer entwickelten Wirtschaft, in der die Arbeit spezialisiert ist, ist das Sparen ein wesentliches soziales Phänomen… Sparen und Investieren sind zwei Seiten derselben Medaille.)

So unterscheidet Greco Geld als Zahlungsmittel und Kapital für Investitionen durch die unterschiedliche zeitliche Dauer des Kredits. Das ist ähnlich wie die Unterscheidung von Kaufgeld und Leihgeld bei Steiner. Steiner geht jedoch davon aus, was man mit Geld machen kann (kaufen, leihen, schenken), das heißt, wie man sich mit Geld anderen Personen gegenüber verhalten kann. Er charakterisiert damit Geld als Beziehung zwischen Personen. Aus der Sicht des Einzelnen, der jemandem ein Darlehen gibt, scheint sich das Kaufgeld in Leihgeld zu verwandeln. In Wirklichkeit besteht das Kaufgeld weiter, jetzt in der Hand oder auf dem Konto des Leihgeldempfängers, und der Leihgeld-Kredit (man kann auch sagen: das Geldkapital) entsteht als etwas Neues und Zusätzliches. Als Drittes beschreibt Steiner das Schenkungsgeld und stellt damit die sehr große wirtschaftliche Bedeutung des Schenkens ins rechte Licht. Diese Unterscheidung der Geldarten ergibt sich aus der Idee der sozialen Dreigliederung. Das Kaufgeld als Zahlungsmittel und Liquidität ist eine Sache der Wirtschaft. Das Kapital dagegen gehört zum Geistesleben: Als Leihgeld ist es dazu da, dass Fähigkeiten angewendet werden können, und als Schenkungsgeld kann es die Entwicklung von Fähigkeiten ermöglichen.
Auch Greco unterscheidet auf Seite 101 drei Arten von wirtschaftlichen Beziehungen („kinds of economic interaction“):
- Gifts (Schenkungen)
- Involuntary transfers, such as theft, robbery, extortion, or taxes (unfreiwillige Übertragungen)
- Reciprocal exchange (gegenseitiger Tausch)

Wirtschaftlich gesehen sind die beiden ersten gleich, nämlich einseitige Übertragungen. Sie unterscheiden sich nur in Bezug auf das Recht und die Macht. Die Machtfrage, die mit dem Geld zusammenhängt, beschäftigen Greco und auch Riegel in besonderem Maße. In der Unterscheidung der Geldarten ist Steiner exakter, weil er ihren wirtschaftlichen Aspekt rein betrachtet.

Greco beschreibt auf Grund seiner praktischen Erfahrungen als Berater von Gemeinschaften detailliert, wie Verrechnungsgemeinschaften gegründet werden können, welche Bedingungen dafür nötig sind und warum es relativ oft vorkommt, dass derartige Initiativen sich nach kurzem Aufblühen nicht dauerhaft gut entwickeln. Verrechnungsgemeinschaften müssen kleinräumig und überschaubar sein und sich überregional mit andern Gemeinschaften vernetzen. Diese föderalistische Struktur ist eine wichtige Voraussetzung nachhaltigen Wirtschaftens. („The credit clearing exchange is the key element that enables a community to develop a sustainable economy under local control and to maintain a high standard of living and quality of life,“ (S. 196) Greco stellt sich eine Struktur vor, die von unten aus lokalen Verrechnungsgemeinschaften aufgebaut wird. Kleine Gruppen mit geistiger Übereinstimmung können solche Verrechnungsgemeinschaften bilden. Sie ermöglichen einen hohen Grad von Vertrauen und demokratischer Selbstregulierung. Auf einer zweiten Stufe interagieren sie mit anderen Gruppen, so dass ein Handelsverkehr von Gruppe zu Gruppe zustande kommt. („The structure that I envision consists of local mutual credit clearing exchanges comprised of small affinity groups that are networked regionally and, eventually, globally. Affinity groups that are small and coresponsible enable high levels of trust and democratic self-regulation, but they interact with other affinity groups in ways that enable intergroup trading and the development of social solidarity.“ S. 231)

Auch Bernard Lietaer setzt sich, wie im 1. Kapitel gezeigt, für die Gründung von Verrechnungssystemen ein, jedoch nur als Komplementärwährungen neben den staatlichen Währungen. Er nimmt es sogar als gegeben hin, dass es drei große übernationale Währungen geben wird: den Euro, den Dollar und eine übernationale Währung für den asiatischen Raum. Greco dagegen will diese Entwicklung, die ein Teil der „Neuen Weltordnung“ ist und unter der Lenkung der globalen Bankelite steht, verhindern und überwinden. Für ihn ist die direkte Kredit-Verrechnung eine revolutionäre Neuerung, die die Welt verändert (S. 192).

Eine wichtige Rolle spielt die Definition des Wertmaßes. Normalerweise sagt man ja, das Geld habe drei Funktionen als Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Wertmaß. Greco trennt nicht nur die beiden ersten, den Zahlungsverkehr und das Kapital, von einander, sondern auch das Wertmaß. Kein existierendes Geld darf Wertmaß sein, sondern es muss ein Wertmass geben, an dem jedes existierende Geld gemessen werden kann. Greco schlägt dafür einen Warenkorb von 12 bis 15 Waren vor, die in freien Märkten gehandelt werden, im Welthandel wichtig sind, grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigen, relativ stabile Preise und eine standardisierbare Qualität haben. (S. 276) Das Wertmaß ist Buchhaltungseinheit (unit of account) und Verrechnungseinheit. Es ist aber nicht das Gleiche wie die Wertbasis des Geldes. Wenn der Wert einer Währung durch einen Warenkorb definiert ist, heißt das nicht, dass irgendwo Waren deponiert sind (wie z.B. Gold in einer Bank), die man mit Geld einlösen kann im Sinne einer "Währungsdeckung", sondern es existiert nur die Verrechnung von Leistung/Ware gegen Leistung/Ware. Der Geldwert ist dabei Verrechnungsmaß. Basis des Geldverkehrs ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Die vorübergehenden Schulden, die ich beim Kaufen in der Verrechnungsgemeinschaft mache, gleiche ich dadurch aus, dass ich demnächst selbst Waren und Dienstleistungen verkaufe, zu denen auch die Lohn-Einnahmen zu rechnen sind.

 

 2.2. „Vollgeld“

Die Bewegung für „Vollgeld“ und „Monetäre Modernisierung“ will, dass nur die Zentralbank das alleinige Recht hat, Geld zu machen und in den Kreislauf zu geben. Die Verfassungsinitiative in der Schweiz sieht dafür zwei Wege vor:

Artikel 99a Absatz 3 des vorgeschlagenen  Verfassungstextes: „Die Schweizerische Nationalbank bringt im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags neu geschaffenes Geld schuldfrei durch den Bund, die Kantone oder die direkte Zuteilung an die Bürgerinnen und Bürger in Umlauf. Sie kann den Banken befristete Darlehen gewähren.“

Der erste Weg ist: Neu geschaffenes Geld wird den Regierungen oder den Bürgern geschenkt. Die Beschenkten bringen das Geld dadurch, dass sie es ausgeben, in Umlauf. Einmal geschenkt und ausgegeben, kann es nicht mehr zurückgeholt, d.h. vernichtet werden. Diese Geldschöpfung ist nur dann sinnvoll, wenn mit einem Wirtschaftswachstum gerechnet wird. Die Initianten rechnen mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von einem Prozent. Wenn dies zutrifft, muss die Nationalbank jedes Jahr die Geldmenge z.B. um ein Prozent erhöhen, das heißt etwa 5 Milliarden CHF zusätzlich in Umlauf bringen.

Der zweite Weg besteht darin, dass die Nationalbank den Banken verzinsliche Darlehen gewährt, wie sie es jetzt auch tut. Dieses Geld kann nach Ablauf der Darlehensfrist zurückgeholt werden. Damit kann die Nationalbank die Geldmenge, wenn es nötig ist, auch verringern. Die Initianten sagen, diese Darlehen würden das zentrale Feinsteuerungsinstrument der Geldpolitik bleiben.

Interessant ist, dass die Vollgeld-Initiative Geld und Kapital streng voneinander trennen will. Sie beschreibt die Geldverwaltung so, dass die Banken für ihre Kunden Girokonten als reine Verrechnungskonten führen, und zwar außerhalb von ihrer eigenen Bilanz. Mit diesem Geld dürfen die Banken nicht, wie sie es jetzt tun, eigene Geschäfte tätigen, indem sie es z.B. als verzinsliche Darlehen weitergeben. Solche Darlehen können sie nur mit Kapital finanzieren, das sie vorher eingenommen haben, sei es als Spargelder ihrer Kunden oder als Darlehen der Nationalbank oder anderer Banken. Die Vollgeld-Initianten haben erkannt, dass die fehlende Trennung von Zahlungsmittel-Geld und Kredit-Geld (Kapital) eine wichtige Ursache für die Krankheit unserer Finanzwirtschaft ist. Kredit-Geld ist etwas ganz anderes als Zahlungsmittel-Geld. Kreditgeld entsteht nur, wenn Zahlungsmittel-Geld angehäuft wird. Man geht aber in der Vollgeld-Theorie nicht so weit, die Unterscheidung dieser Geldarten auch in der Geldschöpfung zu beachten. Man würde sonst darauf kommen, dass Geld seinem Wesen nach nur im Kauf entstehen kann. Die Menge dieses Zahlungsmittel-Geldes regelt sich dann in der Wirtschaft selbst, und eine Steuerung durch eine Geldpolitik von außen ist nicht nötig. Anders ist es beim Kreditgeld. Dieses hat die Tendenz, in ungesunder Weise zu wachsen, und muss daher durch eine geregelte Abschreibung der Geldvermögen immer wieder verringert werden. Diese Abschreibung wird, wie in dieser Website dargestellt, dadurch vollzogen, dass Kredit in Schenkung verwandelt wird. Dadurch bleibt die Menge des Zahlungsmittel-Geldes erhalten.

Die Geldschöpfung und Geldpolitik wird von den Vollgeld-Vertretern als eine vierte Gewalt im Staat beschrieben. Sie nennen sie „Monetative“ und stellen sie neben die Legislative, die Exekutive und die Judikative. Die Zentralbank gibt das von ihr geschaffene Geld kraft ihrer staatlichen Autorität in den Geldkreislauf der Wirtschaft. Für diese Geldversorgung von außen kann es grundsätzlich nur die beiden in der Verfassungsinitiative vorgesehenen Wege geben: Geldschöpfung als Schenkungsgeld und Geldschöpfung als Leihgeld.

Für die Buchhaltung der Nationalbank müsste man konsequenterweise sagen, dass das Geld, das sie verschenkt, aus ihrer Bilanz verschwindet. Die Geldtheoretiker werden fragen, welches dann die Grundlage dieses Geldes ist. Der Text der Verfassungsinitiative hält in Absatz 4 am alten Prinzip der „Währungsreserven“ fest und  sagt, diese müssten zum Teil in Gold gehalten werden. Obwohl die Geldpolitik der Nationalbank sich ganz klar nach der Wirtschaftsleistung richten muss, scheut man sich offenbar, zuzugeben, dass die Produktivität der Wirtschaft die einzige wahre Grundlage des Geldes ist. Wenn die Außenhandelsbilanz eines Landes nicht ausgeglichen ist, ist der Auf- oder Abbau der Goldreserven eine falsche Maßnahme, genau so wie auch die Anhäufung oder Verminderung von Beständen fremder Währungen. Richtig ist es, die Ursachen einer unausgeglichenen Handelsbilanz zu untersuchen. Man wird finden, dass ungerechte Preise eine Hauptursache sind, und hat diese in Ordnung zu bringen.

Artikel 99 Absatz 3 des vorgeschlagenen Verfassungstextes lautet: „Die Schaffung und Verwendung anderer Zahlungsmittel ist zulässig, soweit sie mit dem Auftrag der Schweizerischen Nationalbank vereinbar sind.“ In der Erläuterung (www.vollgeld-initiative.ch/erläuterungen.html) heißt es: „Private Zahlungsmittel sollen weiterhin möglich sein und erhalten verfassungsrechtliche Rechtssicherheit. Dazu gehören zum Beispiel WIR, Handelswechsel, Rabattgutscheine, Tauschringe, LETS, Bartersysteme, Bonusmeilen, Internetgeld, etc. Diese Zahlungsmittel haben gemeinsam, dass sie von einem begrenzten Nutzerkreis verwendet werden und nur privatrechtlich vereinbart wurden.“ Diese Verfassungsbestimmung ist so allgemein gehalten, dass sie durch eine restriktive Anwendung leicht unwirksam gemacht werden kann.

Christian Felber bekennt sich in seinem neuen Buch „Geld – Die neuen Spielregeln“ (Wien 2014) zum Prinzip des staatlichen Vollgeldes. Das ganze Gemeinwesen sollte von der Basis neu demokratisch aufgebaut werden. Auch die Banken sind demokratisch zu organisieren. Dieses Prinzip ergibt sich in der Vollgeldidee auf jeden Fall für die Verwaltung des Zahlungsmittel-Geldes (der Girokonten), welche von den Banken nicht als eigene Unternehmen, sondern im Auftrag ihrer Kunden ausgeführt wird. Obwohl Felber in seinem wertvollen Buch über die Gemeinwohl-Wirtschaft Ideen dargestellt hat, die für die Selbständigkeit der Wirtschaft wichtig sind, betont er für die Geldverwaltung das staatlich-demokratische Prinzip und erweitert es bis zur Zentralbank, damit ein einheitliches Geld für das ganze Land geschaffen werden kann. Felber weiß, dass die heutigen repräsentativen Demokratien nicht wirklich demokratisch sind, und schlägt daher vor, die Demokratie neu von unten aufzubauen durch Versammlungen, die er Konvente nennt. Auf diesem Weg sollte ein Verfassungstext erarbeitet werden, der zuletzt dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird. Würden diese Konvente nicht genau so wie die heutigen Parlamente von den Parteien als Interessenvertretern beherrscht werden?

Wenn ein neues Geldsystem durch Verfassungsänderungen eingeführt wird, bleibt es ein Befehl von oben, auch wenn die höchste Entscheidung demokratisch beschlossen wird. Gesetze sollen Betrug und dergleichen verbieten, aber eine gerechte Geldordnung können wir in unserer wirtschaftlichen Tätigkeit auf privatrechtlichem Wege selbst einrichten.


 2.3. „Positive Money“

Diese Bewegung in England (www.positivemoney.org) hat vieles mit dem „Vollgeld“ gemeinsam. In der Frage der Gelddeckung argumentiert sie aber logisch konsequenter als etwa die Verfassungsinitative in der Schweiz. Bisher wird in den traditionellen Bilanzen der Zentralbanken das Geld als Verbindlichkeit auf der Passivseite gebucht. Auf der Aktivseite stehen dieser Verbindlichkeit Vermögenswerte gegenüber (Gold, Devisen, Staatsanleihen etc.), weil man immer noch denkt, der Benützer des Geldes könnte sein Geld zur Zentralbank bringen und dafür die Auszahlung von etwas anderem verlangen, z.B. von Gold. Seit der Abschaffung der Golddeckung ist das aber nicht mehr möglich. Vielmehr geht man heute davon aus, dass die Zentralbank das Geld als Fiat-Geld aus dem Nichts schafft.

„What backs money is not bonds or loans, but the belief that will be something available to swap money for in the future… What backs money is therefore the <productive capacity of the economy>.” (Grundlage des Geldes sind nicht Anleihen oder Darlehen, sondern das Vertrauen, dass in der Zukunft etwas im Tausch gegen Geld erhältlich sein wird… Grundlage des Geldes ist daher die <Produktionsfähigkeit der Wirtschaft>). Deshalb kann die Produktionsfähigkeit der Wirtschaft eines Landes auf die Aktivseite der Zentralbank-Bilanz geschrieben werden, wie wenn sie ein Vermögensposten wäre. Aber diese Produktionsfähigkeit kann wohl kaum mit exakten buchhalterischen Methoden ermittelt werden.

Wenn allerdings das Geld der Regierung schuldfrei und nicht rückzahlbar zur Verfügung gestellt wird (wir würden sagen „geschenkt“), ist es auch nicht sinnvoll, die Geldausgabe der Zentralbank als eine Verbindlichkeit der Zentralbank zu verbuchen. Deshalb schlägt „Positive Money“ als letzte Lösung vor, dieses Geld aus der Bilanz der Zentralbank herauszunehmen und in einer Datenbank zu verwalten, um eine rein statistische Übersicht über die ausgegebene Geldmenge zu haben. Diese hier vereinfacht wiedergegebenen Überlegungen sind nur deshalb notwendig, weil auch die Positive-Money-Bewegung die Geldschöpfung dem Staat als Monopol erhalten will. Die Probleme verschwinden, wenn es keine staatliche Zentralbank gibt und das Geld als Kaufgeld in der Wirtschaft entsteht.