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Negativzinsen oder alterndes Geld

Negativzinsen sind ein aktuelles Thema und veranlassen viele zur Frage, wie es weitergehen könnte. Die Europäische Zentralbank und die Schweizerische Nationalbank sind dazu übergegangen, von Geschäftsbanken, die bei ihnen Geld deponieren, eine Lagergebühr zu verlangen. Anders ausgedrückt: sie sind mit dem Zinssatz unter die Nullgrenze gegangen. In der Schweiz verlangt bisher nur die Alternative Bank (ABS) als einzige Geschäftsbank von ihren Kunden einen Negativzins von 0,125 Prozent – und ab einem Guthaben von 100.000 Franken sogar von 0,75 Prozent. Andere Banken haben stattdessen ihre Gebühren erhöht, um einen Teil ihrer neuen Kosten wieder hereinzuholen.

Die Negativzinsen sind bis jetzt nur gering, denn es besteht die Gefahr eines Bank Runs, wenn die Kunden ihr Geld in bar abheben und zu Hause aufbewahren wollen. Das Horten von Banknoten ist allerdings bei großen Beträgen umständlich und riskant. Trotzdem: wenn auf Bankkonten Negativzinsen erhoben werden, muss auch das Bargeld mit Negativzinsen belastet werden, damit nicht Bargeld gehortet wird, wie die Vertreter des Freigeldes gemäß Silvio Gesell (INWO) fordern, oder das Bargeld muss weitgehend abgeschafft werden, wie der bekannte amerikanische Professor Kenneth Rogoff empfiehlt.

Wenn das Geld mit einem Negativzins belastet wird, soll man veranlasst werden, es auszugeben, um etwas zu kaufen, oder um es zu verleihen. Durch beide Handlungsweisen gelangt das Geld in den Geldkreislauf und belebt die Wirtschaft. Wenn nämlich das Geld einem Darlehensnehmer gegeben wird, ist der Kreditgeber vom Nachteil des Negativzinses befreit, und der Kreditnehmer muss diesen so lange bezahlen, bis er das Geld, z.B. für Anschaffungen, wieder ausgegeben hat.

Im heutigen Geldsystem dienen positive Zinsen als Umlaufsicherung. Wenn man Geld hat, das man nicht selber zum Kaufen benötigt, bilden Zinsen einen Anreiz, es zu verleihen. Diese Funktion der Umlaufsicherung können auch die Negativzinsen übernehmen, wenn sie groß genug sind. Auch sie ergeben einen Anreiz, Geld nicht einfach liegen zu lassen, sondern zu verleihen, um den Negativzins zu vermeiden. Das könnte zum Verschwinden der positiven Zinsen führen, so dass Kreditguthaben sich nicht mehr vermehren würden. Allerdings verhindert das nicht, dass man mit spekulativem Handel, z.B. an der Börse, sein Geldvermögen vermehren könnte, so dass die Reichen doch immer reicher werden können.

Wie Silvio Gesell ist auch Rudolf Steiner (sie waren Zeitgenossen) von der Feststellung ausgegangen, dass Geld ein unlauterer Konkurrent aller verderblichen Waren ist, weil es nicht verdirbt.  Er sah aber, dass das nur dann eine Rolle spielt, wenn Geld zu Vermögen angehäuft wird. Das ist ja auch dann der Fall, wenn man Geld verleiht oder auf andere Art gewinnbringend einsetzt.

Rudolf Steiner entdeckte den fundamentalen Unterschied zwischen Geld, das als Zahlungsmittel im Umlauf ist und das er „Kaufgeld“ nannte, und Geld, das man ansammelt und verleihen kann und das er als „Leihgeld“ bezeichnete. Auch andere Namen wären denkbar: „Kreditgeld“, „Vermögensgeld“ oder „Kapitalgeld“. Für die Unterscheidung der beiden Geldarten ist die Zeit ein wichtiges Kriterium. Kaufgeld hat man nur kurze Zeit in seinem Besitz, sei es als Bargeld oder als Sichtguthaben bei der Bank. Leihgeld dagegen entsteht, wenn jemand längere Zeit auf sein Kaufgeld verzichtet und es fest anlegt. Dann hat er einen Anspruch darauf, dass ihm der verliehene Betrag zur vereinbarten Zeit wieder als Kaufgeld zurückgegeben wird. Leihgeld hat also den Charakter eines längerfristigen Guthabens. Auch das Kaufgeld, das jemand in bar oder bei einer Bank deponiert hat, ist ein Guthaben, aber eines, über das man jederzeit oder innert kurzer Frist verfügen kann. Man muss also, wenn man Leihgeld und Kaufgeld unterscheiden will, untersuchen, ob es ein langfristiges oder kurzfristiges Guthaben ist. Die Grenze zwischen kurzfristig und langfristig ist nicht logisch ableitbar, sondern eine Sache detaillierter Vereinbarungen zwischen den Teilnehmern in einem Geldsystem. Denn die verschiedenen Personen und Unternehmen haben einen ganz unterschiedlichen Bedarf an Liquidität (Kaufgeld), und nur im Rahmen des Liquiditätsbedarfs können Guthaben als kurzfristig, das heißt als Kaufgeld gelten.

Das Problem  der unlauteren Konkurrenz zwischen Geld und Waren gibt es nur beim „Vermögensgeld“, wenn man nicht dafür sorgt, dass es mit der Zeit verdirbt. Die Waren verderben durch Naturprozesse früher oder später; beim Geld hingegen müssen wir dafür sorgen. Im Lichte dieser Überlegungen ist es geradezu verkehrt, wenn man die umlaufenden Zahlungsmittel, das Kaufgeld, mit einem negativen Zins bzw. mit einer Steuer belastet. Es geht um die Vermögen, die in einer naturgemäßen Wirtschaftsordnung nicht eine unbegrenzte Lebensdauer haben können. Nach einer sinnvollen Frist müssen sie verschenkt werden, selbstverständlich als Kaufgeld, damit dieses von Menschen, die wirtschaftlich nicht oder nicht mehr leistungsfähig sind, verbraucht werden kann. Heute ist eine solche Regelung nicht möglich, weil die Gesetze uns zwingen, durch Vermögensansammlung, z.B. in Pensionskassen, für unser Alter vorzusorgen. Diese heute geltende Regelung entspricht nicht der wirtschaftlichen Realität, denn auch heute leben wir im Alter oder bei Krankheit und Invalidität von dem, was die dann aktiven Menschen leisten und produzieren. Wir können nicht als Dreißigjährige das produzieren, was wir vierzig Jahre später als Rentner brauchen. Als Dreißigjährige müssen wir für die mitsorgen, die nicht leistungsfähig sind.

Der Negativzins ergibt sich, wenn die Zentralbanken die Zinsen immer weiter senken, um die Wirtschaft anzukurbeln, indem sie den Unternehmen billige Kredite zur Verfügung stellen, damit sie sich leichter zu Investitionen entschließen. Außerdem kann man sagen, dass die Banken für den Aufwand, den sie mit der Aufbewahrung des ihnen anvertrauten Geldes haben, entschädigt werden sollen.

Eine ganz andere Begründung führt dazu, die länger dauernden Vermögen nicht ewig leben zu lassen, sondern sie nach und nach aufzulösen, indem man sie in Schenkungen verwandelt. Wie alle Dinge der Natur, vor allem die lebendigen, sollen auch die Vermögen eine begrenzte Lebensdauer haben. Wie alle natürlichen Dinge sollen sie älter werden und zuletzt ihrem Lebensende entgegengehen. Deshalb führte Rudolf Steiner in seinem „Nationalökonomischen Kurs“ den Begriff „alterndes Geld“ ein.

Wir brauchen eine ganz neuartige Geldordnung, die Kaufgeld und Leihgeld nicht nur theoretisch unterscheidet, sondern praktisch auseinanderhält. Heute kann jeder Mensch frei wählen, ob er sein Geld als Kaufgeld (Bargeld, Sichteinlagen) oder als Leihgeld (Termineinlagen etc.) aufbewahren will. Das entspricht nicht der Realität. Langfristig (sagen wir länger als drei Monate) gehortetes Geld ist kein Kaufgeld!

Für ein diesen Gedanken entsprechendes Geldsystem findet man die besten Anregungen und Vorschläge bei dem Amerikaner Thomas Greco jr. Eine kurze Zusammenfassung seines letzten Buches „The End of Money and the Future of Civilisation“ gibt es in deutscher Sprache in dieser Website unter „Gegenüberstellung und Diskussion – Zur Geldschöpfung“). 

Rudolf Isler