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Freiheit und Mitbestimmung

Die drei Ideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, haben eine doppelte Beziehung zur Freiheit. Wenn es den Menschen nicht möglich wäre, zur Freiheit zu kommen, wären auch Gleichheit und Brüderlichkeit nicht möglich. Andererseits dienen auch die Ideale der Gleichheit und der Brüderlichkeit, jedes auf seine Art, der Freiheit, weil sie jedem Menschen die autonome Mitbestimmung im sozialen Leben ermöglichen. Im demokratischen Staat wirken alle mündigen Menschen gleichberechtigt mit. Die wirtschaftlichen Angelegenheiten werden von denen geregelt, die jeweils daran beteiligt und davon betroffen sind. Sie schließen untereinander Verträge ab, indem sie in manchen Fällen gegenseitig Kompromisse eingehen. Im Geistesleben kann Mitbestimmung nur darin bestehen, dass wir die freie Initiative Einzelner in freier Weise anerkennen oder uns von ihr abwenden.

Wenn es wahr ist, dass es auf jeden einzelnen Menschen ankommt, dann könnte man meinen, das Erste sei, dass der einzelne Mensch soziale Fähigkeiten erwerbe. Diese Forderung stößt ins Leere, denn es ist für die heutige Zeit normal, dass wir antisozial sind. Der Egoismus ist eine notwendige Begleiterscheinung der modernen Bewusstseinsentwicklung und wird noch weiter zunehmen, weil wir uns noch weiter zu selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln werden. Um zu der weiteren Zunahme der antisozialen Kräfte ein Gegengewicht zu bilden, ist es nötig, äußere soziale Strukturen zu schaffen, die nach und nach die Entwicklung sozialer Kräfte ermöglichen. Die antisozialen Kräfte werden dadurch in uns nicht beseitigt, aber soziale Kräfte sollen sich so entwickeln, dass sie mit den antisozialen Kräften in ein Gleichgewicht kommen.

Heute gibt es zahlreiche Strukturen, die den Egoismus verstärken und ein soziales Verhalten geradezu verunmöglichen. Besonders deutlich ist das beim Lohnsystem, das grundsätzlich an den Egoismus appelliert. Weil das so ist, gelten Lohnkämpfe als etwas Normales, und Gewerkschaften sind heute notwendige Einrichtungen für diesen Kampf. Wir können aber an Stelle dieses Lohnwesens Einrichtungen schaffen, die uns fortwährend auffordern, nicht nur an uns selbst zu denken. Durch solche Einrichtungen ist unser Egoismus nicht einfach weggeschafft, aber wir erhalten die Möglichkeit, daran zu arbeiten und soziale Kräfte zu entwickeln.

Die stärkste Entfesselung des Egoismus kommt dadurch zustande, dass die wirtschaftlichen Interessen in der Staatspolitik aufeinander prallen und zu Machtkämpfen zwischen den Parteien führen. Die Parteien werden geradezu für diese Interessenkämpfe geschaffen. Deshalb legt die Dreigliederung Wert darauf, dass die Wirtschaft der Ort ist, wo Organisationsformen zu entwickeln sind, die dem Egoismus entgegenwirken, indem sie uns fortwährend auffordern, nicht nur unsere eigenen Interessen zu beachten, sondern auch die Interessen derer, mit denen wir zu tun haben. Denn das Interesse von Mensch zu Mensch ist der erste Schritt zur Entwicklung sozialer Fähigkeiten.