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Lebendige Dreigliederung

Die beschriebenen Methoden und Strukturen der Gewinnverteilung zeigen eine klare Dreigliederung des sozialen Lebens, aber nicht so, dass drei säuberlich von einander getrennte Bereiche nebeneinander stehen. Es geht in der Dreigliederung des sozialen Organismus darum, das Zusammenwirken von drei Systemen, an denen jeder Mensch beteiligt ist, sachgemäß zu verstehen. Das kann in der Frage der Einkommensverteilung sehr gut geübt werden. Mit der gerechten Einkommensverteilung können wir auf drei Gebieten praktisch beginnen. Unternehmen, die sich auf neue Art betätigen wollen, können darüber Erfahrungen sammeln und diese unter einander austauschen. Das Wichtigste ist die Ausarbeitung und Erprobung einer neuen Methodik und neuer Strukturen.

  Die Regeln für die Einkommensverteilung gehören zum Rechtsleben. Rechte können grundsätzlich von allen betroffenen Menschen mit ihrem gesunden Menschenverstand selbst gestaltet werden. Das ist nicht nur im demokratischen Staat der Fall, sondern auch in privatrechtlichen Vereinbarungen, soweit sie Regeln zum Inhalt haben. Privatrechtliche Vereinbarungen kommen grundsätzlich nur dann zustande, wenn alle Beteiligten zustimmen. Insofern hat das Privatrecht eine im besten Sinne demokratische Grundlage. Die Einkommensverteilung wird im Rechtsleben geregelt, aber nicht durch eine staatliche Verwaltung vollzogen. Durch den privatrechtlichen Verteilungsvertrag entsteht ein Rechtsanspruch.

  Die Anwendung der Regeln im individuellen Fall gehört zum Geistesleben. Die Vertrauensleute haben ihre Stellung nicht, weil sie von irgendeiner übergeordneten Instanz eingesetzt werden, sondern sie werden in ihrem Amt anerkannt, weil sie fachlich qualifiziert sind und über Lebenserfahrung verfügen.

  Die assoziative Zusammenarbeit der verschiedenartigen Unternehmen schafft im Wirtschaftsleben durch die Anpassung der Produktion an den Bedarf die Voraussetzungen für die gerechte Einkommensgestaltung. Die Marktpreise spielen dabei eine ähnliche Rolle wie der Barometer, an dem man die Entwicklung des Wetters ablesen kann, in dem man aber nicht die Zeiger zu verstellen hat, weil er dadurch unbrauchbar würde.

Diese Zusammenfassung zeigt, dass in der sozialen Ordnung drei funktionale Systeme, ähnlich wie die Organsysteme in einem lebendigen Organismus, auf komplizierte Weise ineinander wirken. Ihre Unterscheidung setzt in jedem einzelnen Bereich genaue Detailkenntnisse voraus.

Es fällt uns schwer, das Ineinandergreifen von Geistesleben (Ausbildung und Anwendung von Fähigkeiten), Rechtsleben und Wirtschaft (Produktion, Markt, Einkommen, soziale Absicherung) zu erkennen, weil es sich um lebendige Prozesse und Funktionen handelt. Deshalb muss die Praxis immer mit fortschreitenden Erkenntnisbemühungen begleitet werden. Die drei Glieder sind da und müssen nicht geschaffen werden. Aber wir müssen dafür sorgen, dass sie richtig zusammenwirken.

Wenn wir im Unternehmen und auch in der Gesamtwirtschaft die Unterscheidung von Kaufgeld, Leihgeld und Schenkungsgeld auf die Einkommensverteilung anwenden, sehen wir sofort, dass das Einkommen kein Kaufgeld sein darf. Leihgeld ist es sicher auch nicht. Ist es also Schenkungsgeld? Was sagen uns die heutigen Realitäten zu dieser Frage?

Das Schenkungsgeld hat in unseren Geldbeziehungen einen sehr großen Umfang, und der größte Teil davon wird heute vom Staat verwaltet. Ihm ist es zugedacht, für die Bedürftigen zu sorgen, das Bildungswesen zu finanzieren und die Entfaltung von Forschung und Kunst zu fördern. Das dafür nötige Geld zieht er nach den gesetzlich vorgeschriebenen Regeln durch Steuern ein. Rudolf Steiner hat die Steuern als Zwangsschenkungen bezeichnet – ein in sich widersprüchlicher, aber sehr treffender Ausdruck. Steuern sind kein Kaufgeld, weil wir nicht direkt etwas dafür bekommen. Wir haben nur indirekt etwas davon, weil Steuern der Allgemeinheit dienen und weil wir der Allgemeinheit angehören. Steuern sind auch kein Leihgeld, denn wir können sie nicht zurückverlangen. Damit ist der Tatbestand des „Schenkens“ und Hingebens im weiteren Sinn erfüllt.

Nun wird also heute das Schenken in großem Umfang als Aufgabe dem Staat zugewiesen. Damit ist viel Unfreiheit verbunden. Wenn wir zu einem Zusammenleben in Freiheit kommen wollen, müssen wir auch das Schenken immer mehr selbst in die Hand nehmen. Dazu gehört jener Teil der Einkommenszuteilung, den heute der Staat besorgt oder durch Gesetze vorschreibt: die Arbeitslosen-Unterstützung, die Sozialhilfe, das Kindergeld, die Kranken- und Invalidenversicherung, die Versorgung im Alter usw. Alle diese Leistungen können wir innerhalb der Wirtschaft den Betroffenen schenken, nicht nach Willkür und Beliebigkeit, sondern nach ihrem Bedarf und auf Grund von geregelten Ansprüchen.

Das wird uns noch deutlicher, wenn wir die drei Geldarten in der Buchführung aufsuchen. In der Bilanz sind kurzfristige Forderungen (Guthaben) und Verbindlichkeiten (Schulden) Liquidität, das heißt Kaufgeld oder Zahlungsmittel. Langfristige Guthaben und Schulden dagegen sind Leihgeld, Investitionsgeld oder Kapital.

AuEinkommen8 Die Geldarten Bilanz neu

 

In der Erfolgsrechnung sind Aufwand und Ertrag als Kaufgeld dargestellt. Der Gewinn dagegen ist weder Kaufgeld noch Leihgeld. Er ist das Unternehmensergebnis, das wir nach freien, von unserer eigenen Vernunft bestimmten Entschlüssen verwenden können, unabhängig von Gegenleistungen oder von Rückzahlungsverpflichtungen. Dadurch gehört er in die Kategorie des Schenkungsgeldes.

Wenn wir die Einkommen aller Mitarbeiter eines Unternehmens als Gewinnverteilung auffassen und nicht als Personalkosten, nehmen wir sie aus dem Kaufgeldbereich heraus. Wir geben jedem Mitarbeiter den Gewinnanteil, den er benötigt und den wir (die übrigen Mitarbeiter) ihm aus freien Stücken geben wollen. Die Einkommensverteilung wird zur Geldbewegung ohne Gegenbewegung. Dadurch trennen wir die Arbeitsleistung des Einzelnen von seinem Einkommen. Das Einkommen ist insofern echtes Schenkungsgeld, als der Einzelne es sich nicht selbst nimmt, sondern die Mitarbeiter es sich gegenseitig zusprechen. Damit die Einkommensverteilung keine willkürliche Schenkung ist, muss sie vertraglich geregelt sein. Auch das Einkommen der Menschen, die keine wirtschaftliche Leistung erbringen, muss aus der Gewinnverteilung hervorgehen. Dazu gehören die Alters- und Invalidenrenten, die Waisenrenten, die Alimente für allein erziehende Mütter und ihre Kinder, Spenden an Schulen, an Forschungsinstitute und an frei schaffende Künstler. Alle diese Bedürfnisse können, statt durch Steuergelder, durch freiwillige, aber geregelte Schenkungen erfüllt werden. Die vertraglichen Regelungen bilden ein weites Feld mit einer großen und frei gestalteten Vielfalt. Sie können die Gewinnverteilung in den Unternehmen betreffen, oder, wenn es um regelmäßige Spenden geht, zwischen einzelnen Personen und Institutionen vereinbart werden. Den Assoziationen kommt dabei eine wichtige beratende Funktion zu.

AuEinkommen8 Die Geldarten Erfolgsrechnung

Das Schenkungsgeld ist immer auf den Verbrauch ausgerichtet.
Es ermöglicht, wenn es weit gefasst wird, allen Menschen den Lebensunterhalt, sowohl denen, die zur Produktion beitragen, als auch den „reinen Verbrauchern“. Als diese letzteren bezeichnete Rudolf Steiner die Kinder, alte und nicht leistungsfähige Menschen und auch diejenigen, die im freien Geistesleben arbeiten und die wir von der wirtschaftlichen Leistungspflicht freistellen wollen. An verschiedenen Stellen kann im Geldverkehr Schenkungsgeld entstehen:
- im Gewinn der Unternehmen
- im Einkommen des Einzelnen
- in der Abschreibung alter Vermögen.