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Überwindung des Arbeitsmarkts

Mit dem Arbeitsmarkt stellen wir eine direkte Verbindung zwischen der Arbeitsleistung des Einzelnen und seinem Einkommen her. Der Lohn als Verbindung zwischen Arbeit und Einkommen ist aber etwas Künstliches, an das wir uns ganz und gar gewöhnt haben. Der Lohn gilt als Gegenleistung für die Arbeitsleistung, gewissermaßen als ihr Kaufpreis.

Das Wort „Arbeitsmarkt“ lesen wir jeden Tag in den Zeitungen. Wie in jedem Markt findet zwischen Angebot und Nachfrage ein Kräftemessen statt, aus dem die Höhe des Preises, also hier des Lohnes, hervorgehen soll. Diese Strukturen und Handlungsweisen verhindern aber, dass wir lernen, sozial zu denken und zu empfinden. In den „Arbeitsmarkt“ ist der Mensch wie ein Rädchen in einen Mechanismus eingebaut. Dieses mechanische Denkmodell ist so lange gültig, als der Mensch auf den bloßen Egoismus reduziert wird, denn als Egoisten sind die Menschen berechenbar, und mit diesem menschlichen Zerrbild rechnet die heute herrschende Wirtschaftstheorie, wie man in jedem Lehrbuch nachlesen kann.

Wir sind aber doch auch zu Mutter- und Vaterliebe fähig, und Hilfsbereitschaft ist eine „normale“ menschliche Eigenschaft. Bekanntlich ist die unbezahlte Arbeitsleistung in der Wirtschaft etwa gleich groß wie die Summe aller entlöhnten Arbeit. In der Schweiz z.B. macht nur schon die unbezahlte Arbeit im Haushalt 40 Prozent der gesamten Wertschöpfung der Volkswirtschaft aus. Dazu kommt die freiwillige Arbeit in Organisationen und Vereinen, sowie alle Arten von Hilfeleistungen für Verwandte und Bekannte, für die jeder Erwachsene im Durchschnitt 7 Stunden pro Woche einsetzt. Auch in der entlöhnten Arbeit ist der Egoismus bei weitem nicht die einzige Triebfeder. Es gehört zu jeder Arbeit ein hohes Maß an Selbstlosigkeit, nämlich Interesse, Konzentration, Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Sorgfalt, Ausdauer, Überwindung der Bequemlichkeit usw. Viele Menschen, vielleicht sogar die meisten, wählen ihren Beruf nicht nach der Verdienstmöglichkeit, sondern danach, ob die Arbeit ihnen gefällt und ob sie sie sinnvoll finden und gern machen.

Besonders grotesk ist es, dass der „Arbeitsmarkt“ gerade für die Rechtfertigung von Spitzenlöhnen herhalten muss. Viele dieser Spitzenlöhne sind sicher keine Leistungslöhne. Ein Manager, der jedes Jahr mehrere Millionen verdient, hat zwar viel Verantwortung, und von ihm hängt der Erfolg und die Sicherheit der Arbeitsplätze des Unternehmens in hohem Maße ab, er kann aber weder zeit- noch kräftemäßig zwanzig- oder vierzigmal mehr leisten als ein zu 100% Angestellter, der 70'000.- verdient. Warum aber muss der Manager mehrere Millionen bekommen? – Weil er (so sagt man) sonst zur Konkurrenz gehen würde, z.B. nach Amerika, wo ihm dieser Lohn angeboten wird. Man sagt, die Managerlöhne seien „marktüblich“. Gerade das Groteske der hohen Managerlöhne und ihr Widerspruch zur Tatsache der häufigen Niedrigstlöhne der produzierenden Basis könnte uns zur Einsicht bringen, wie unbrauchbar und lebensfremd der Begriff des Arbeitsmarktes ist.